Wer jemals Unterstufenklassen unterrichtet hat, kennt das: Eine Schülerin macht den Anfang, bald kommen alle anderen nach – halten dem Lehrer mit treuherzigem Blick ihr Poesiealbum hin mit der Bitte: „Schreiben Sie mir da rein, bitte?“
Was sich dann an bereits prominenter Stelle im Poesiealbum befindet, sind meistens Einträge aus der dritten oder vierten Grundschulklasse, in ungelenker Schrift, oft schiefen Zeilen und mit manchem orthographischen Highlight versehen, wobei die um den Text geklebten Illustrationen (normalerweise nicht im geringsten inhaltlichen Zusammenhang mit dem Text) teilweise mit den dahergestolperten Worten versöhnen (oder auch nicht).
Viele Kinder müssen ihre Originalität noch zusätzlich unter Beweis stellen, indem sie in die vier Ecken des benutzten Blattes (bzw. der Doppelseite) den fantastischen Satz quetschen: „In allen / vier Ecken / soll Liebe / drinstecken.“ – Als ausgefuchste Poesiealbumschreiberin erweist sich, wer eine der Ecken großzügig umfalzt und in schreienden Farben daraufkritzelt: „Nicht gucken!“ Wer diese indirekte Aufforderung befolgt und das umgefalzte Eck aufbiegt, bekommt – erwartungsgemäß – zu lesen: „Hast ja doch geguckt!“
Gibt es eigentlich schon eine soziologische Studie zu Tradition und Sinn des Poesiealbums? Wenn nein, dann wäre es eigentlich höchste Zeit, denn das herkömmliche Poesiealbum wird seit Jahren zunehmend verdrängt von sogenannten „Freundschaftsbüchern“ (Titel: „Meine Freunde“ oder „Meine Klasse“), die man als Lehrer ebenfalls vorgelegt bekommt. Man hat dann die (manchmal zweifelhafte) Ehre, sich in die Freundesschar einzureihen und, nach Nennung von Geburtsdatum, Größe und Augenfarbe, solche persönlichen Geheimnisse wie „Lieblingsbuch“ und „Lieblingsband“ zu verraten …

Hier, zur dauerhaften Ehre des Poesiealbums, einige meiner persönlichen Favoriten unter den Eintrags-Evergreens, die sich durch unfreiwillige Komik, groteske Metaphorik oder schlichte Schauerhaftigkeit auszeichnen. Das Poesiealbum lebe und gedeihe!

***

Wenn die Flüsse aufwärts fließen,
und die Hasen Jäger schießen,
und die Mäuse Katzen fressen,
dann erst sollst du mich vergessen.

***

Zerreiße den Faden der Freundschaft nicht,
sonst ist er für immer entzwei;
und wenn er auch wieder gebunden wird,
ein Knoten ist doch dabei.

***

Zahnweh, Schnupfen, schlechte Noten
irgendwann wird das verboten,
doch bis dahin muss man eben
auch mit schlechten Dingen leben.

***

Zum Andenken
Hinter einem Eisengitter
liegt ein Herz, das weint so bitter,
heb es auf, zerbrich es nicht,
denn es heißt Vergissmeinnicht.

***

Etwa vor zehn Jahren
kam ein Baby angefahren
ohne Strümpfe ohne Schuh
liebe xxx das warst du!

***

Bleibe lustig, bleibe froh
wie das Bärchen Haribo,
das in seiner Tüte saß
und die andern Bärchen aß.

***

Es lag ein Seehund am Meeresstrand,
wusch seine Schnauze im weißen Sand.
O xxx möge deine Seele so rein
wie diese Seehundschnauze sein!

***

Abschließend sei gesagt: Natürlich gibt es auch künstlerisch gestaltete Poesiealben mit sprachlich anspruchsvollen Einträgen. Allerdings sind die selten.
Zur Wiederbelebung der Tradition – und um die Schülerinnen in Kontakt mit Lyrik zu bringen – lasse ich seit vielen Jahren meine Englisch-Leistungskurse ein „Poetry Book“ anlegen, in dem jede Kursteilnehmerin bei jeder anderen ein Gedicht einträgt. Die Begeisterung darüber ist sehr ungleich, manche finden es eher lästig, aber einige schätzen diese Form der Beschäftigung mit Lyrik. Und schon in den Wochen kurz vor dem Abitur gewinnt das Poetry Book einen quasi-nostalgischen Wert …

Nachtrag: Um ehrlich zu sein, habe ich in diesem Jahr noch kein Poesiealbum mehr vorgelegt bekommen, letztes Jahr waren’s auch schon nur ca. drei. Mögliche Gründe:
– Poesiealben sind auf dem Weg ins Vergessenwerden, in die völlige Uncoolness,
– Poesiealben legt man lieber jungen Lehrkräften vor,
– Ich habe mich im Laufe der Jahre zu meinem Nachteil entwickelt.
Wer weiß.
(Nein, das ist jetzt kein „fishing for sympathy“, sondern tatsächlich der Versuch einer sachlichen Analyse.)

Advertisements